Werftgeschichte: Edles Treibholz aus „Sissis“ Heimat

Werftbau ist Generationensache (Foto: Jan Maas)

Werftbau ist Generationensache (Foto: Jan Maas)

Mit Flexibilität und schönen Schiffen geht die Bootswerft Glas in die vierte Generation. In den letzten Jahren ergänzen Daysailer das Programm an Binnenracern. Bootsbauer Markus Glas gelang ein seltener Erfolg – die Etablierung einer neuen Holzbootklasse…

Vielleicht spielt der Name auf die oft schwachen Winde auf den süddeutschen Binnenrevieren an: „Legno Vagante“ – Treibholz – heißt das klar lackierte Holzboot, das auf der Bootswerft Glas am Starnberger See südlich von München für die Saison vorbereitet wird. Die Segeleigenschaften des gut neun Meter langen Rumpfes strafen den Namen offenbar Lügen, denn inzwischen sind nach seinem Vorbild rund 50 Yachten neu gebaut worden.

Damit gelang dem Team um Bootsbauer Markus Glas ein seltener Erfolg – die Etablierung einer neuen Holzbootklasse: das L95. Während andere Klassen mit sinkenden Meldezahlen kämpfen und deswegen sogar zuweilen ihre Meisterschaftswürdigkeit verlieren, wie im Frühjahr die 20er Jollenkreuzer, ist im süddeutschen Raum um das L95 eine aktive Gemeinschaft von Holzbootseglern entstanden, die weiter wächst.

Geplant war das nicht, aber erhofft. Als Glas die „Legno Vagante“ baute, kämpfte die Werft selbst mit sinkenden Aufträgen. Seit Ende der 1970er Jahre hatte der Betrieb in Pöcking Drachen für die internationale Regattaszene gebaut. Markus Glas segelte selbst recht erfolgreich Drachen und verhalf den eigenen Booten so zu hilfreichem Renommee. Bis heute haben 200 Stück die Werft verlassen.

In den 1980er Jahren erreichte der Betrieb Stückzahlen von 10 Drachen pro Jahr. „Davon sind wir heute weit entfernt“, gibt der grau melierte Werftchef freimütig zu. „Die Nachfrage ist einfach nicht mehr da. Aber die Lücke haben wir sehr gut mit dem L95 geschlossen.“ In der modernen zweigeschossigen Lagerhalle oberhalb des Werftgeländes liegt bereits ein fertiger Rumpf und wartet auf den Ausbau.

Altersklasse neu belebt

Das L95 geht zurück auf eine alte, früher recht verbreitete deutsche Bootsklasse – das L-Boot. 1913 stellten Berliner Segler den Antrag, eine neue Klasse zu gründen. Die neue Konstruktion sollte ein offenes Kielboot mit 30 Quadratmetern Segelfläche sein, um die Lücke zwischen dem 45er Nationalen Kreuzer und der 22er Nationalen Binnenjolle zu schließen.

Die Idee war ein Erfolg: Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren bereits 16 Boote mit dem Segelzeichen L fertig, 1924 waren 91 Stück beim DSV registriert. 1933 erklärte der DSV das L-Boot zur Altersklasse: es waren keine Neubauten mehr zugelassen. Als in den 1990er Jahren ein paar L-Boot-Enthusiasten mit den übrig gebliebenen Yachten die Klassenvereinigung neu belebten, entschieden sie sich, in diesem Sinne eine Traditionsvereinigung zu gründen.

Um dennoch Neubauten anbieten zu können, modifizierte Markus Glas 1995 gemeinsam mit dem Konstrukteur Klaus Röder das L-Boot und machte aus der alten Grenzmaßklasse eine Werftklasse. Früher konkurrierten Konstrukteure und Werften darum, innerhalb der vorgeschriebenen Grenzen das optimale L-Boot zu entwickeln, vom L95 dagegen gibt es nur einen Riss.

„Im Grunde genommen unterscheidet sich das L95 nur durch das freistehende Ruder vom L-Boot“, erklärt Markus Glas. Die grundlegenden Eigenschaften der L-Boote sind auch im L95 erhalten geblieben: der steile Steven, das breite, flache Heck und der kurze Kiel. 30 Quadratmeter Segelfläche bei 1,2 Tonnen und 50 Prozent Ballastanteil machen das Boot zu einem sportlichen Binnenracer.

Die Klassenregeln schreiben Holz als Material vor. Die ersten L95 plankte man noch in Leistenbauweise auf, aber seit der Baunummer 13 sind die Rümpfe formverleimt. Die Rümpfe liefert die Firma Bopp und Dietrich am Steinhuder Meer, die ein über lange Jahre gewachsenes Know-How von modernem Holzbootsbau besitzt.

Bei den Stückzahlen, die das L95 bald erreichte – 50 Rümpfe in 15 Jahren – war die Firma Glas auf einen Kooperationspartner angewiesen. Die Zusammenarbeit läuft zum beiderseitigen Vorteil: Markus Glas kann die Nachfrage bedienen, Christian Dietrich freut sich über zusätzliche Aufträge, die in den flauen Sommermonaten für Auslastung sorgen.

10 Mann im Mehrgenerationen-Betrieb

Die Rümpfe kommen fertig verleimt, ausgebaut mit Wrangen, Spanten und Schotten sowie innen lackiert am Starnberger See an. Durch die Querverbände sind sie auch ohne Deck derart steif, dass der Transport ihnen nichts anhaben kann. Dann erfolgen der Ausbau und die Ausrüstung durch die 10 Mann starke Belegschaft.

Ähnlich flexibel verfährt Markus Glas beim Bau seiner Drachen. Seit 2006 lässt er die Rümpfe von Frauscher liefern. Die österreichische Werft baut edle Segel- und Motoryachten im Vakuum-Injektions-Verfahren. Für eine Handvoll Drachen pro Jahr würden sich Investition und Unterhalt einer solchen Anlage am Starnberger See kaum lohnen. Abgesehen von den Auflagen, die zu erfüllen wären: Das Werftgelände grenzt unmittelbar an den Park des Schlosses Possenhofen, wo die spätere Kaiserin Elisabeth von Österreich und Königin von Ungarn – „Sissi“ – ihre Kindheit verbrachte.

Obwohl die Drachen-Rümpfe aus Österreich kommen, sind es Glas-Drachen, die am Starnberger See ausgebaut werden. Die Formen, in denen Frauscher die Rümpfe und Decks herstellt, hat die Firma Glas selbst optimiert und hergestellt. Die Flexibilität scheint Markus Glas von seinen Vorfahren geerbt zu haben. Der Familienbetrieb hat sich in den vergangenen fast 90 Jahren immer weiterentwickeln müssen.

1924 begann Glas‘ Großvater, ein gelernter Wagner, in der ersten Generation damit, Beiboote, Fischerkähne und Jollenkreuzer herzustellen. Er ergänzte das Angebot um Rennmotorboote, mit denen Glas‘ Vater recht erfolgreich fuhr. Nachdem Motorbootrennen auf Binnenseen eingeschränkt worden waren, verlegte sich der Betrieb in der dritten Generation auf Segelboote. Inzwischen übernehmen Glas‘ Söhne Dominik und Max in der vierten Generation langsam das Ruder. Sie können neben dem L95 auf eine Reihe weiterer Schmuckstücke verweisen.

Nach der erfolgreichen Einführung des L95 ging das Team Glas und Röder 2001 daran, eine weitere traditionelle Rennklasse zu modernisieren: den 45er Nationalen Kreuzer. Mit zehneinhalb Metern und einer kleinen Kajüte bietet der 45er Nationale Kreuzer zwar mehr Raum als die L95, aber er ist dennoch eindeutig für das Rennsegeln ausgelegt. Inzwischen sind acht Stück des Glas-45ers ausgeliefert. Auf der jüngsten Bodenseewoche Ende Mai belegten zwei Boote aus Starnberger Produktion die beiden vorderen Plätze, wobei Markus Glas selbst den ersten holte.

Mehr Platz im Cockpit

Der Werftchef weiß allerdings, dass weder alle 200 Kunden , die er im Winterlager hat, noch alle Mitglieder des Yachtclubs Possenhofen, der auf dem Werftgelände seine Marina hat, seine Leidenschaft für das Regattasegeln teilen. Als Angebot an Freizeitsegler nahm die Werft 2007 die Lake 31 ins Programm.

Der Daysailer ist eine komplette Neukonstruktion, die mit einer Länge von neuneinhalb Metern zwischen dem L95 und dem 45er liegt. Die Lake 31 ist deutlich von L95 und 45er beeinflusst, bietet aber ein einfacheres Handling und mehr Komfort: Gepfeilte Salinge machen Backstagen überflüssig, das Cockpit bietet mehr Platz und die Kajüte macht mit zwei Kojen zumindest kurze Touren möglich.

Das Daysailer-Konzept kam an: Mit einem ähnlich vereinfachten Rigg wie dem der Lake 31 bietet die Werft seit letztem Jahr auch eine Cruiser-Racer-Variante des L95 an. Das L95cr verfügt zudem über mehr Freibord und eine großzügige Liegefläche auf dem Heck.

Als vorerst letzte Erweiterung des Programms stellte die Werft in diesem Jahr ihre Lake 35 vor: eine großer Schwester der Lake 31 auf der Basis des 45er-Rumpfes. Auch hier bieten vereinfachtes Rigg und höheres Freibord mehr Komfort. Bei ihrem ersten Auftritt auf der Bodenseewoche holte die Lake 35 wie die verwandten 45er Nationalen Kreuzer den ersten Platz in ihrer Klasse. Treibholz scheinen auch die Daysailer von Glas nicht zu sein.

Artikelbild: © Jan Maas

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