Weltumseglung: Treffen mit Taifun „Hagupit“

Am Wind ist's am schönsten, aber was wenn der Sturm kommt? (Foto: Alvov/ Shutterstock)

Am Wind ist’s am schönsten, aber was wenn der Sturm kommt? (Foto: Alvov/ Shutterstock)

Fidschi war wieder einmal seine Reise wert, doch so schön es hier auch sein mag, die tropische Zyklon-Saison steht vor der Tür und wir wollen dieses Risiko, getroffen zu werden nicht eingehen, also geht es am 25.10 2014 mit dem Segelschiff „Coolrunning II“ weiter Richtung Palau. Und wir treffen dabei auf einen echten Taifun…

13 Tage später: Am 06.11 laufen wir in Honiara der Hauptstadt der Salomon Inseln ein. Tropische Hitze empfängt uns und weiterhin anhaltende Flaute . Im Guadamal – Kanal, unweit der Stadt messen wir Wassertemperaturen von 32,8 Grad Celsius, eine gefährliche Mischung mit dieser verdammten tropischen Hitze.

Zwei Tage später, vollgetankt mit 400 Liter Diesel und vollen Wassertanks geht’s über das Bismarckarchipel Richtung Norden. Honiara war in dieser Zeit auch nicht wirklich zu empfehlen, da der kleine Yachthafen, ungeschützt liegt und alle vor Anker liegenden 6 Yachten hin und her schaukelten.

Darüber hinaus besteht noch immer Malariagefahr auf der Insel und die bekannte Tablette „Malarone“ war vergriffen. Aber das ist eine andere Geschichte, die wir 1,5 Wochen später an Bord spürten. Nichts hält uns hier.

Alle unsere Seefahrtsbücher in unserer Bord Bibliothek weisen darauf hin, dass 5 Grad nördlich (wir befinden uns 9 Grad Süd) des Äquator der Nordostpassat, in dieser Zeit, auf uns wartet. Dem ist nicht so, meine Einschätzung über diese Bücher ist die ,dass einer irgendwann einen Unsinn verfasst hat und der Rest von den Autoren es kopiere, (manchmal sogar Wort wörtlich).

Spiegel glatte See ,Etmale von unter 50sm/24h, und haufenweise kleine Gewitter die die einzige Abwechslung zu unserer langweiligen Lage sind. 31 Tage später und somit länger als die gesamte Pazifiküberquerung von Panama nach Marquesas und wohlgemerkt mit viel weniger Seemeilen in Summe:

„Land in Sicht“

Mikronesien (Gebiet Yap): Am 25.11 ist die Insel Lamotrek in Sicht, jedoch können wird aufgrund andauernder Gewitter nicht einlaufen. Also weiter , der Dieselvorrat ist mittlerweile knapp und sollte bei der nächsten Gelegenheit aufgefüllt werden. Auch unser Proviant vorwiegend der Frischware, neigt sich ebenfalls dem Ende und wer will schon trockene Spaghetti lutschen.

Zwei Tage später am 27.11 konnten wir endlich auf der Insel Woleai einlaufen. Natürlich fuhren wir, wie schon des Öfteren in diesem Gebiet über Land, da die div. Seefahrtsprogramme nicht mit der GPS-Position übereinstimmen. Auch die größte Riffeinfahrt kann Nachts zur Gefahr werden und somit beschlossen wir, mit dem ersten Tageslicht die Passage zu machen.

Woleai, ein kleines Paradies ,herrlich alles stimmt, freundliche zurückhaltende Leute die abends „Tuba“ trinken (ähnliches Getränk wie Sturm in Österreich), ein versunkenes Wasserflugzeug ladet zum Tauchen ein und weitere Überreste vom Weltkrieg II machten die Inselspaziergänge interessanter. So schön es auch klingen mag, die Proviant-und Dieselfrage konnte auf dieser Insel, obwohl es offiziell ein Einklarierungs- „Hafen“ ist, nicht geklärt werden. Die Inselbewohner leben von den Produkten, die es auf der Insel gibt und verzichtet somit auf die sogenannte westliche Produkte (8x im Jahr kommt ein Versorgungsschiff mit Reis und Mehl). Also brechen wir wieder Richtung Palau auf, die nächste Zivilisation.

Lediglich 560sm, das segelt man normalerweise auf einer „Arschbacke“ ab, eine kurze Distanz mit der Wettervorhersage Nordostpassat, dann Südostwind mit 15-20kn. Hurra, wir haben endlich Wind. 2 Tage später auf See am 02.12 wieder Windstille und ein unangenehmer Schwell aus Ost. Wir entscheiden, nach dem nördlicherem YAP in Mikronesien zu segeln, nur mehr 130sm (Dieselvorrat zu diesem Zeitpunkt, nach Berechnung 28 Liter). Darüber hinaus hatten wir zu diesem Zeitpunkt eine Strömung die uns mit 2,5kn in die richtige Richtung driftet.

03.12.2014 – Position N 007-58,34 E 139-18,30

Um 0730 werde ich von Sandra geweckt, mit dem Wetter passt wieder einmal was nicht. Also raus aus der Kajüte und Segel noch kleiner reffen. Oben angelangt, verstehe ich den Weckruf, bedrohlich tiefhängende geschlossene Wolkendecke und bereits 30kn Wind. Der neue Raymarine Autopilot schafft die Anforderung nicht mehr und das Hand steuern beginnt. Zwischenzeitlich verstaute Sandra unter Deck jene Sachen, die Nachts liegen geblieben sind, Seeventile werden geschlossen, das Schwerwettergewand und Rettungswesten werden angelegt.

Um 0830 sind wir bereits bei 56kn angelangt, mit der Tendenz steigend. Von diesem Moment an ist klar, dass dies kein tropische Sturm ist, sondern ein Taifun. Er trifft uns mit brachialer Gewalt. Zwei Stunden kämpfe ich hinterm Steuer- in mir schreit alles, „ablaufen vor dem Wind“.-. doch der Taifun frisst sich in das kleines Sturm-Stütz-Segel, bis es keine Wirkung mehr zeigte. Wir schlagen quer zur Welle, eines meiner gefürchtetsten Szenarien, meiner Segler-Alpträume.

Zu diesem Zeitpunkt funktionierte unser Kartenplotter noch und zeichnete die gesamte Runde die „Hagupit“ mit uns absolviert hat. Ohne Segel werden wir quer zur Welle mit 4,3kn regelrecht geschoben. Die Nächstgelegene Insel ist gute 60sm entfernt. Also genügend Seeraum um sich einmal so richtig auszutoben.

Um 1100 (Zeit wird relativ wahrgenommen) bricht die vordere Leine unseres Dingis an den Davids und durch das extreme Gewicht wird das Heck regelrecht ins Wasser gezerrt. Wir müssen das Gewicht loswerden ,also muss ich zu den Davids um die Heckleinen zu durchschneiden. Das Dinghi fliegt, sobald es von den Leinen befreit ist, mit einer doppelten Rolle in die aufbrausende See. Das 3,60m Caribe Dinghi ist noch mit einer Fangleine am Heck belegt, jedoch nach 30 sec reißt auch diese und es treibt davon. (Plan B ist ausgeträumt)

Um 1130 legte sich etwas der Sturm, nur noch 40-50kn Wind, aber das ist das Auge des Taifun. Sandra schaute mich an, aber ich musste den Kopf schütteln – ein Taifun dauert 6-10 h, wir haben den Taifun noch nicht überstanden.

Um 13oo in der Hölle zurückgekehrt, fliegen uns die Fetzen um die Ohren und es sind wirklich nur mehr Fragmente von Segel, Solarpaneele, Windgenerator, Lazybags, Sprayhood, usw. Der Regen peitscht, und ab und zu koste ich das Wasser, salzig, die Augen bereits verschwollen, jeder Tropfen wird mit mehr als 200 km/h ins Gesicht geschleudert, im Schwerwetterzeug fühlt es sich an, wie Maschinengewehr Salven. Fest verschraubte Lüftungshutzen an Deck wird vom Sturm regelrecht ausgerissen. Langsam macht das Schiff Wasser, nicht allzu viel, ein halber Meter, Tendenz steigend.

Durch den starken Winddruck bekommt das Schiff immer bedenkliche Schräglage. Zweimal taucht der Mast in die See, kommt wieder hoch. Die See ist apokalyptisch.

Ich sitzen mit dem Rücken zu Wind und Welle damit ich nicht zusehen muss, wenn eine im kurzen Abstand ankommende Welle, das Boot zu einer Eskimorolle zwingt. Meine Psyche spielt mir einen Streich, ich sehe meinen Vater und meine Großmutter (beide über 2 Jahrzehnte verstorben), die mich freundlich zu sich winken, ich kann nur antworten, dass es wenn es so weitergeht, bald kommen werde.

Filmriss ,und wieder sind wir dem Gebrüll des Taifuns ausgeliefert, geistig vergewaltigt und auf jedenfalls machtlos. Sandra und ich berühren uns kurz ,weniger um uns zu beruhigen sondern uns bewusst zu werden, dass das Erlebte real ist. Wir wissen beide dass wir nichts tun können außer warten, warten und nochmals warten.

1600 der Taifun wird böiger, ein erstes Anzeichen einer Veränderung. Die Abstände mit geringeren Windstärken werden grösser, ein Lichtblick am Horizont . Der Taifun wird schwächer, wird zu einem tropischen Sturm und ich habe mich geistig zur Wehr gesetzt und hatte den längeren Atem. Allzu viel puste besitzen wir jedoch nicht mehr. Die ganze Nacht treiben wir jetzt wieder mit der Nase vom Wind weg Richtung Norden nach „Yap“. Der Treibanker wird an Bord genommen und bevor wir abwechselnd an schlaf denken können, muss die Flutkatastrophe im Schiff halbwegs beseitigt werden.

Die Aufzeichnungen des Kartenplotters ergeben , dass uns der Taifun 360 Grad mit geschliffen hat . Des Teufels Waschmaschine hat uns eine Runde mitgenommen. Angesaugt im Schleudergang, das Vollwaschprogramm absolviert und nass wieder ausgespuckt.

04 12 2014 – 0800 morgens, wir haben jetzt unter 20kn Wind und 4knt Geschwindigkeit, das Ausmaß der Verwüstung am Schiff wird sichtbar und weitere Probleme warten. Die ETA zur Insel YAP ist 1900h, welches uns vor einigen Herausforderungen stellt:

  1. Die Genua leine befindet sich im Propeller, also noch immer manövrierunfähig
  2. Wie bei den letzten Inseln, ein starker Versatz der Seekarten zeigte, ein Einlaufen nachts riskant ist
  3. Die Funkantenne beschädigt wurde und kein Funkkontakt zum Hafenmeister hergestellt werden kann
  4. Höchstwahrscheinlich Wasser in den Dieseltank gekommen ist und die letzten Liter Diesel für die Riffpassage unmöglich macht

Zu Punkt 1:
Mir geht einiges durch den Kopf, entweder das Boot zerschellt mit diesem auflandigem Wind und noch immer hohen Dünung, nachts am Riff oder ich tauche auf offener See, bei dieser Dünung unter das Schiff und versuche den Wurstel am Propeller herauszuschneiden. Die Möglichkeit ,dass mich mein eigenes Schiff im Wasser erschlägt ist nicht gering da die Welle noch immer mit 3-4 Metern läuft.

Jetzt werde ich richtig nervös, eine Entscheidung muss her, egal was es kostet. Trossen werden ins Wasser geschmissen, um die Geschwindigkeit von 4kn auf 2kn zu verringern, die Taucherflasche, eine Rettungsschlinge um mich und bewaffnet mit Stanley Messern ab ins Wasser. Ich tauche vor zur Welle und fixiere die Flasche auf der Welle meines Antriebs, was mir erst nach dem 3ten Anlauf gelingt. An Deck Sandra, die mich jedes Mal nach dem Auftauchen hecktisch fragte, ob alles in Ordnung ist und der Probeller bereits frei. Ich schneide was das Zeug hält und manchmal reißt es mir regelrecht den Regulator aus den Mund.

Eine halbe Stunde tauchen und eine leere 10kg Tauchflasche später, hab ich es geschafft wieder an Bord zu kommen, teilweise ragte das Heck (Badeblattform) bis zu 1,5 Meter aus dem Wasser.
Erst jetzt, nachdem der Probeller wieder frei ist, sehe ich eine reelle Chance das wir den Hafen anlaufen können.

zu Punkt 2 und 3:
Ich sehe mir die Seekarten der Insel YAP genauer an und entdecke darauf die eingezeichneten Leuchtfeuer der Einfahrt. Bingo – das wird ein home-run! Mit 20ig blinkenden Leuchtfeuern, wie zu Weihnachten kann ein einlaufen Nachts kein Problem dar stellen. Nach so viel Kake sollte ich es eigentlich besser wissen, denn Weihnachten entfällt heuer, ersatzlos gestrichen. Erstens kein Funkkontakt zu Hafenmeister, die schließen um 1600 Uhr und auch keine Leuchtfeuer. Nur 2 verreckte Funzeln im Hafenbecken, die von außen unsichtbar sind.

zu Punkt 4:
Dann ein Lichtblick auf dem AIS Plotter – ein Frachtschiff namens H1, der direkt vor mir in den Hafen einläuft oder beinahe . Kurz vor der Einfahrt aber Richtung Süden abdreht. MMSI Nummer notiert und die Notantenne, auf das Hauptfunkgerät montiert. MMSI Nummer versendet, keine Rückmeldung, von Kanal 6 auf Kanal 16 zurück gesprungen, endlich ein schwaches Signal .Nach sehr langem hin und her, und Erklärungen warum wir um diese Zeit bei diesem Wetter überhaupt hier segeln, werden 2x 2o Liter Dieselkanister an einem überdimensionalen Fender montiert und in das Wasser gelassen.

Nachts , noch immer eine hohe Dünung, mein so wichtiger Diesel für die Nacht, im Meer. Sandra schafft es auf Anhieb das Gebinde auf die Plattform zu hieven- dankbar füllen wir den Diesel und die dunkle Nacht bricht über uns herein. Abwechselnd, bewusstlos schlafen ging es mit dem ersten Tageslicht die Haupteinfahrt entlang und zum großen Dock, wo bereits Offizielle auf uns warteten. Das Versorgungsschiff „H1“ (70m Länge) ist selber vor dem Taifun geflohen, da die Wandstärke des Bootes so schwach ist, dass sie befürchten im Hafenbecken zu sinken.

Fast wie bei „All ist lost“

05 12 2014 im Hafen von YAP PROPER
Wir erfahren, dass der Port-captain nur über Handy erreichbar war, das der Taifun an unserer Ausgangsposition bereits 115kn betragen hat und Richtung Philippinen sich zu einer Superzelle ausgewachsen hat. Es herrscht im Office betretenes Schweigen. Wir sind aufgeschlagen, alle meinten, dass wir das eigentlich nicht hätten überstehen können und trotzdem berichte ich.

Ich weiß nicht, was mehr in Fetzen hängt, meine beiden Segel oder mein Segler Herz.

Folgeschäden: Großsegel und Lazyjacks und -bag, Genua, Davids und Dinghi, 6 Stk. Solarpaneele, 1 Stk. Windgenerator und Beleuchtung, gesamte Elektronik und an Bord befindliche Computer, Disks usw. Tiefkühlschrank, Batterien, 2 Funkantennen, Windanzeige, Sprayhood, div. Pumpen und viele kleine Sachen die zu einem Segelboot gehören 🙂 In den nächsten Tagen, im täglichem gebrauch, wird sich erst herausstellen, was noch so alles nicht mehr funktioniert oder vielleicht sogar nicht mehr da ist.

An alle Segelbegeisterten und Freunde, ein Sturm kann sich in der heutigen Zeit (durch die Klimaerwärmung) schnell zu einem Zyklon, Hurrikan oder Taifun entwickeln. Lasst Euch auf offener See oder zu Land niemals unterkriegen und steigt niemals zu früh in Eure Rettungsinsel. Ein Schiff ist hart im nehmen – die Coolrunning II – ist eine Regattayacht und hat nun offiziell das Taifungetestet Zertifikat bestanden. Uns der Crew, Georg aus Laxenburg/Mödling und Sandra aus Schönberg am Kamp geht es täglich besser, fragen sich jedoch wie es in den nächsten Tagen weitergehen soll.

Eine Versicherung für diese Schäden, die dieser Taifun angerichtet hat, gibt es leider nicht und die Ausgaben der Reparaturen sprengen die Bordkasse. Ersatzteile müssen teilweise aus Europa und den Staaten mit hohen Frachtkosten importiert werden. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit, an einem Ort, wo man gar nicht hinwollte, sitzend in einem defektem Segelschiff, nicht wissend wie es überhaupt weiter gehen soll, stellen wir uns jeden Tag der Herausforderung.

Spendenaufruf der SeglerInnen

Liebe Freunde, Nachbarn, Segelbegeisterte, Familien und Firmen wir bedanken uns über jegliche Hilfestellung von Waren und Geldspenden, die wir jetzt so dringend benötigen. Auch der kleinste Betrag würde uns dazu verhelfen, wieder Fuß zu fassen.
Konto: Georg Hiermann – Österreich
BIC: BAWAATWW
IBAN: AT13 14000 22610847661

Artikelbild: Alvov/ Shutterstock

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