Fahrtensegeln: Unter Patagoniens Winden

Fahrtensegeln in Patagonien (Foto: Jan Thomas Otte)

Fahrtensegeln in Patagonien (Foto: Jan Thomas Otte)

 

Die patagonischen Winde sind berühmt berüchtigt. Doch wer sich mit seiner Hochsee-tauglichen Yacht in seine Fjorde aufmacht, den erwarten nicht nur Windstärken bei 12. Auch atemberaubende Landschaft…

Man schwätzt ein wenig mit etlichen Mitreisenden. Zwischendurch eine Partie Schach auf dem riesigen Spielfeld an Deck. Der Unterschied zum Traumschiff? Vielleicht, dass es keine Liegestühle gibt. Und der Lärm von den Dieselmotoren die Hörsinne betäubt. Man liegt auf dem sonnengewärmten Boden. Vielleicht, dass die Abendgarderobe aus Kapuzenpulli, Zip-Off-Hose und Teva-Latschen besteht.

Bei Dämmerung verlassen wir die sicheren Fjorde und fahren hinaus aufs offene Meer. Die Fahre schwankt und schaukelt über riesige Wogen. Um nicht kotzend über der Reling zu hangen, schlucken wir ein paar Pillchen. Rasch befördern sie uns in den Schlaf. Ohne allzu seekrank zu werden…

15.1.

Beim Erwachen zum Glück ruhige See. Wir fahren wieder im Fjord. Ein Wal zeigt sich. Eigentlich sehen wir nur seine Fontane. Aber immerhin. So langsam ist der blaue, wolkenlose Himmel fast schon ein wenig unheimlich. Patagonien ist ja bekannt für unberechenbares Wetter. Wir sonnen uns bei 26 Grad an Deck und freuen uns, dass der patagonische Himmel gerade gut gelaunt ist.

Am Nachmittag dann ein Hohepunkt der Schiffsfahrt: wir navigieren ganz nah an einen der zahlreichen Gletscher heran. Dad sonst so gemächliche, fast schläfrige Bordleben gerät kurz in Aufregung. Am Bug: posierende Passagiere vor gezückter Kamera. Auf dem Rückweg aus dem Fjord springen ein paar Delphin-Schwanzflossen vor die Linse.

Gefühltes Ende der Welt im Fischerbötchen

Danach ist es Zeit für ein weiteres Nickerchen auf dem Deck. Am Abend kommt nochmals Spannung auf: es gibt einen Landgang zu einem Indianerdorf. Oder sind das Eskimos? Verzeihung für die unkorrekte Ansprache. Wir wissen es nicht so genau. Wir sind in Puerto Eden. Im Umkreis von 100 km um die Siedlung gibt es keine Straße.

Man ist also auf Lieferungen der Navimag angewiesen. Puerto Eden ist so ‚am Arsch der Welt‘, dass es von den Spaniern unentdeckt und die Bevölkerung vor ausrottendem Gemetzel verschont blieb. Ein wenig fühlen wir uns wie Schiffbrüchige: In Schwimmwesten gewandet steigen wir über eine Strickleiter ins Motorboot um.

Während die Matrosen aus dem Bauch des Schiffs Waren ausladen.. In Puerto Eden dirigiert man uns im Gänsemarsch uber einen Holzplankenweg. Indianerfrauen verkaufen Schilfbötchen. Und dann geht’s auch schon zurück auf die Navimag. Ein Gläschen Pisco Sour, die Sonne geht unter. Und wir in unsere Koje.

16.1.

Letzter Tag der Kreuzfahrt. Eigentlich dachten wir, sämtliche Hohepunkte der Route lagen schon längst hinter uns. Denkste! Die Navimag quetscht sich durch enge Passagen. Links und rechts begrenzt durch mächtige Gletscherberge. Wir schauen und staunen. Und versuchen ein kleines bisschen der prächtigen Natur mit der Kamera festzuhalten.

Am Abend landen wir in Puerto Natales. Zum Glück hatten wir schon ein Hostel vorgebucht. 200 Fahrpassagiere überschwemmen das sonst eher beschauliche, aufgeräumte Örtchen.

Nachdem wir unseren Ausflug nach El Calafate und in den Nationalpark Torres del Paine organisiert haben, gibt es im Mesita Grande eine der leckersten Pizzas überhaupt. Begossen mit ein paar Pisco Sour, Panna Cotta und Tiramisu. Es lebe die Globalisierung!

17.1.

Wir sind etwas landkrank. Ohne Wellen scheint die Umgebung trotzdem zu schaukeln. Wegen des Brandes im Nationalpark Torres del Paine sind die Wandermöglichkeiten eingeschränkt, die wenigen Refugios schnell ausgebucht. Deshalb unternehmen wir erst mal einen Ausflug über die argentinische Grenze, um den Porito Moreno Gletscher zu bestaunen.

Die Grenzformalitäten ziehen sich in die Lange. Zwei Beamte wechseln sich mit Stempeln ab. Nebenan steht eine Tischtennisplatte. Wahrscheinlich vertreibt man sich die Zeit mit einer Partie Ping Pong, wenn gerade mal keine Busladung Touristen abzufertigen ist. Nach drei Stunden Warten auf einen einzigen Stempel fahren wir endlich weiter nach El Calafate.

Eisbruch, Waldbrand und Geschäftsinn

Der Ort scheint vom Waldbrand im Nationalpark sehr zu profitieren. Viele Touristen fahren hierhin weiter, weil Torres del Paine zeitweise ganz gesperrt war und immer noch nur eingeschränkt begehbar ist. So reiben sich listige Herbergsväter die Hände und reizen preislich die Schmerzgrenze aus.

Außerdem zeichnet den Ort ein beständig in der Luft liegender Geruch nach gebratenem Fleisch aus. Ein Asado zu veranstalten gehört zur Lieblingsbeschäftigung der Argentinier.

18.1.

Einer der letzten Gletscher dieser Erde, die noch wachsen. 30-60 Meter fällt die Bruchkante in den Lago Argentino ab.

Zunächst fahren wir mit einem Boot nah heran und sehen, wie riesige Stücke abbrechen und mit Donnergrollen in den milchig grünen See fallen. Eine Flutwelle entsteht, die das Schiffchen schaukeln lasst. Später haben wir ausführlich Gelegenheit, das Naturkino von der Aussichtsplattform zu genießen. Den Blick beständig auf die Gletscherkante gerichtet, um kein ‘Kalben’ zu verpassen. Die Hand in der Chipstute.

Ein paar Regentropfen fallen. Das macht uns nichts, wir haben noch unsere peruanischen Regenponchos im Rucksack. Insgesamt war uns der Gletscher 15 Stunden Busfahrt von und nach Puerto Natales wert.

20.1.

Bei strahlend blauem Himmel brechen wir auf in den Nationalpark Torres del Paine. Dafür braucht man entweder viel Glück oder Geduld. Gehen wir von ersterem aus… Gott sei Dank!

Die erste Tagesetappe führt vorbei an rauschenden Gletscherbachen, aus denen man trinken kann. Immer wieder laufen wir durch Südbuchenwalder. Die letze Stunde Aufstieg über ein Geröllfeld strapaziert die Knie. Aber die Aussicht auf die ‘Himmelstürme’, die vor einem grünen See aufragen, entschädigt die Anstrengung um ein Vielfaches.

Thomas hat sogar 2 Dosen Bier 1000 Meter hoch geschleppt. Gekühltes, malziges „Austral“, hier die Hausmarke im Bergsee: lecker! Ewig können wir nicht verweilen, wir müssen die gesamte Strecke zurückgehen und wollen nicht im Dunkeln wandern.

21.1.

Nach der Anstrengung von gestern ist uns eigentlich nach einem Ausruhtag zumute. Das Programm ist jedoch straff und sieht keine Pause vor. Also setzen wir unsere müden Knochen wieder in Bewegung. Der Weg zur nächsten Hütte ‘Los Cuernos’ fuhrt am Lago Nordenskjöld entlang.

Der Himmel ist heute bedeckt. Erst am späten Nachmittag als wir das Refugio erreichen reißt die Wolkendecke auf. Hellgrün strahlt der See, dem der berüchtigte patagonische Wind weiße Schaumkronen aufsetzt. Vier tollkühne Wanderer stürzen sich in den Bergsee. Oben über dem Gletscher kreist ein Condor. Patagonia at its best!

22.1.

Heute wandern wir ins Valle del Frances. Allerdings haben wir keine Lust auf einen zehnstündigen Wandermarathon. Deshalb begnügen wir uns mit dem ersten Mirador nach drei Stunden Trödellauf. Über uns hangt der „Franzose“, ein hängender Gletscher in der Wand des Paine Grande.

Windstärke 12 mit Ufo-Wolken

Unter lautem Getöse brechen immer wieder Stücke ab und stürzen in die Tiefe. Klingt wie ein Gewitter! Nach Nickerchen auf warmen, von der Sonne beschienenen Felsen traben wir zurück zum Refugio…

23.1.

Ein bisschen froh sind wir ja schon, dass dies der letzte strapaziöse Wandertag sein wird. Mit dieser Einstellung läuft es sich einfach besser, zumindest als Kopfsache betrachtet. Das launische patagonische Wetter zeigt sich von seiner besten Seite. Den Wind werden wir trotzdem nicht los.

Wieder stiefeln wir durch diese, wir finden majestätische Natur. Und trinken aus den Gletscherbächen. Am Parkausgang sagen uns die Himmelstürme ‚Lebewohl‘.

24.1.

Ausschlafen, Füße waschen, Steaks braten, so langsam an den Heimflug denken. Den Nachmittag vertrödeln wir am Stadtrand von Puerto Natales. Ein paar Jungs springen komplett in Klamotten ins seichte Wasser der Bucht. Der Straßenköter kommt mit, um Muscheln zu apportieren. Vier Teenager-Mädels zertrümmern Glasflaschen mit Steinen, wohl ein Boccia-Ersatz?

Am Abend können wir’s uns nicht verkneifen, noch mal ins Mesita Grande zu gehen. Wieder mit Pizza und Pisco Sour…

25.1.

4 Stunden Flug über die Anden, das südpatagonische Eisfeld mit allen Highlights unserer Tour: Torres del Paine, Porito Moreno. Sogar den Fitz Roy bei El Chalten sehen wir! Kaum eine Wolke am Himmel, je weiter wir zurück in den Norden Patagoniens fliegen, dessen Seen und Stratovulkane mit Schneekuppe. Die Fähre brauchte für diese Kilometer 4 Tage und 3 Nächte.

26.1.

Beeindruckt vom gewaltigen Fluß der Gletscher landen wir in Santiago. Eine Nacht an der Plaza de Armas (so wie der Markplatz auch schon in Cusco, Peru hieß). Am nächsten Tag bei 32 Grad im Schatten (an der Südspitze waren es maximal 20) diese Highlights: Die Kathedrale, das Kunstmuseum „Bella Artes“, der Aussichtsberg „Cerro San Christobal“ mit seiner Standseilbahn und übergroßen Marienstatue – und der „Cerro San Lucia“.

Es sind eben die grüneren Flecken dieser 8-Millionen-Metropole, die anders als andere südamerikanischen Hauptstädte vor allem diese 3 Dinge verspricht: mehr Sicherheit, Ordnung, Disziplin. Fast schon etwas wie im südlichen Europa, so ab Rom in Richtung Neapel. In Gedanken schon längst auf dem Rückflug nach Europa.

Artikelbild: © Jan Thomas Otte

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